Das Versprechen kennen wir. KI nimmt uns die Routine ab, spart Zeit, entlastet das Team. Einen halben Tag Schulung investieren, einen ruhigeren Arbeitsalltag zurückbekommen. In den Projekten, an denen ich arbeite, passiert etwas anderes. Die Arbeit wird nicht leichter. Sie wird schneller. Und komplizierter.
Eine Funktion, für die ich vor drei Jahren eine Woche gebraucht hätte, steht an einem Nachmittag. Sie läuft. Und dann liegen drei Varianten da, die alle laufen. Die Frage ist nicht mehr, ob es geht. Die Frage ist, welche davon in einem Jahr noch wartbar ist, welche still kaputtgeht, sobald sich eine Schnittstelle ändert, und welche Daten sie eigentlich wohin schreibt. Ansehen kann man das keiner von ihnen. Alle drei sehen fertig aus. Früher hat der Aufwand vorsortiert. Es gab eine Variante, weil mehr nicht drin war. Jetzt gibt es drei, dieselbe Zeit — und deutlich mehr zu prüfen. Das ist nicht mein Sonderproblem. Dasselbe passiert in Kulturvereinen und Kulturunternehmen, sobald die Auswertung auf Knopfdruck entsteht: Die Zahl steht da, sieht plausibel aus, und niemand kann sagen, woher sie kommt. Im Architekturbüro, wenn ein Skript über Nacht dreißig Varianten durchrechnet und am Morgen jemand eine davon auswählen muss. In der Steuerkanzlei, wenn etwas in Minuten fertig ist, wofür es vorher zwei Tage gab — und dieselbe Person unterschreibt.
Bauen kostet fast nichts mehr. Ein Prototyp, eine Auswertung, eine Automatisierung, ein Stück Code — Stunden statt Wochen. Und wovon etwas billig wird, davon entsteht mehr. Das ist kein Bedienfehler, das ist die Funktionsweise. Eins wird nicht billiger: entscheiden, was davon taugt. Nachsehen, ob es hält. Geradestehen für das, was in Betrieb geht. Der Engpass ist also nicht weg. Er ist umgezogen — vom Herstellen zum Beurteilen. Und Beurteilen ist die anstrengendere Sache. Lässt sich nicht delegieren, nicht parallel erledigen, und man lernt es auch nicht, indem man ein Werkzeug kennenlernt.
Die IG Kultur Österreich hat 2025/26 unter dem Namen KICK eine Fortbildungsreihe zu KI im Kulturbetrieb gemacht: elf Webinare, dreiundneunzig Organisationen. Am Ende hat EDUCULT die Teilnehmenden befragt. Dreiundvierzig Rückläufe — eine kleine Zahl, die ich dazusage, weil sie zur Einordnung gehört. In der Auswertung steht:
„85,7 Prozent stimmen zu, dass Wissen zu KI derzeit vor allem bei einzelnen Personen liegt.“
Das ist keine Wissenslücke, die ein Kurstag schließt. Das ist eine Frage, wie ein Betrieb aufgestellt ist. Dieselbe Auswertung hat eine zweite Zahl, und die passt mir erst mal nicht: 62,8 Prozent sagen, KI verbessere Arbeitsprozesse. Klingt nach Widerspruch zu allem, was ich hier behaupte. Deshalb steht sie da — wer nur die Hälfte zitiert, die ihm in den Kram passt, kann sich das Schreiben sparen. Die Quelle löst den Widerspruch übrigens selbst auf:
„Viele beschreiben KI als punktuelle Entlastung im Arbeitsalltag […] Zugleich bleibt klar: Gute Ergebnisse brauchen präzise Aufgabenstellungen, kritische Prüfung und menschliche Nachbearbeitung.“
Punktuell entlastet, in der Summe verschoben. Genau darum geht’s. Und noch was aus derselben Reihe, das ich beim Lesen nicht erwartet hätte: Nach elf Webinaren, fünfundzwanzig Coachings und fünf Community Labs stehen als Hürden fehlende Zeit, fehlendes Personal, rechtliche Unsicherheit, Kosten, technische Fragen und Skepsis im Team. Fünf von sechs Punkten haben mit dem Werkzeug nichts zu tun. Einer sagt es so:
„Ich glaube kaum, dass einer von unseren Kulturvereinen das Budget und die Ressourcen hat, so viele Tools zu bedienen und sich in so viele Tools einzulesen.“
Der Markt antwortet auf all das mit Werkzeugkursen. Ein Tag ChatGPT. Ein Tag Copilot. Ein Tag für das Ding, das es in zwölf Monaten gibt. Gut gemeint, trifft es nicht. Ein Werkzeugkurs erhöht den Ausstoß. Ein Urteil erzeugt er nicht. Er dreht also genau das Laufband schneller, auf dem das Team ohnehin schon steht. Und weil die Werkzeuge halbjährlich wechseln, wird die Schulung zum Abo. Was bleibt, ist keine Kompetenz, sondern eine Abhängigkeit im Jahrestakt: von Anbietern, von Kursen, von Leuten, die uns sagen, welcher Knopf gerade gilt. Ich nenne hier absichtlich keine Firma. Mein Einwand gilt einem Format, nicht einem Anbieter. Und wer glaubt, der Kultursektor sei davon unberührt: In der Referenzliste einer großen österreichischen KI-Akademie stehen ein Bundesmuseum und eine Landestourismusorganisation.
Nicht „welches Tool“, sondern:
Keine technischen Fragen. Fragen danach, wie wir arbeiten — und genau deshalb überleben die Antworten den nächsten Modellwechsel. Wer sie für sich beantwortet hat, braucht mich beim nächsten Werkzeug nicht mehr.
Ich bin kein Trainer, der über KI redet. Ich baue damit. Und ja: Ich mache das gern — ich finde die Möglichkeiten inspirierend. Auf biodiversitaet-monitor.at läuft eine Auswertung, die sich bei jedem Durchlauf neu erzeugt. Geschrieben mit KI — und genau deshalb mit einem Changelog daneben, in dem jede Veränderung nachlesbar ist. Ohne den könnte niemand sagen, ob die Zahlen noch stimmen oder ob die Auswertung irgendwann still falsch geworden ist. Das war keine Fleißaufgabe. Das war die Stelle, an der mir aufgegangen ist, worum es hier eigentlich geht. Und bei monjogh.at läuft ein Shop mit automatisierter Zahlungsabwicklung: Code und Abläufe mit KI, die Illustrationen von Hand. Diese Grenze ist eine Entscheidung, keine technische Schranke — ich hätte die Bilder generieren lassen können und wollte nicht. Beide sind eigene Projekte. Den umgezogenen Engpass habe ich in diesen Projekten nicht als These kennengelernt, sondern als Problem, das ich selbst lösen musste.
„Das ist Kulturpessimismus.“ Nein. Ich baue selbst damit und will nicht zurück. Die These ist nicht „lasst es“. Sie ist: nicht mit Entlastung rechnen, sondern mit Verschiebung — und sich auf die Stelle vorbereiten, an die es sich verschiebt. „Für kleine Vereine stimmt das nicht, für die ist es Entlastung.“ Bei klar abgegrenzten Routinen: stimmt. Ein Terminabgleich, ein Export, ein wiederkehrender Report. Die Komplexität kommt in dem Moment zurück, in dem etwas in Betrieb geht und jemand dafür geradesteht. Je kleiner das Team, desto weniger Leute teilen sich das. „Du verkaufst selbst Workshops. Du bist Teil desselben Marktes.“ Der beste Einwand. Er verpflichtet mich: Wenn ich sage, Werkzeugkataloge sind das Problem, darf mein eigenes Angebot keiner sein. Sieh nach. Wenn da ein Kurs steht, der nach einem Produktnamen heißt, nimm mich beim Wort.
Wenn wir nach der Einführung von KI mehr Last spüren statt weniger: Wir machen nichts falsch. Das ist der Normalfall. Vorbereiten lässt er sich — nur nicht an einem Kurstag. Wer Kompetenz verkauft, macht sich entbehrlich. Wer Werkzeuge verkauft, macht sich nötig.