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Mit KI geprüft: was sie fand, und was sie erfand

22. September 2026

Eine Website kann tadellos aussehen und für einen Teil ihrer Besucher trotzdem nicht bedienbar sein. Von innen merkt das niemand: Wer sie gebaut hat, bedient sie mit der Maus, auf einem großen Bildschirm, mit ruhiger Hand. Anfang September habe ich unsere eigene Seite daraufhin geprüft und vierzehn Stellen gefunden, an denen sie Leute aussperrt oder ihnen im Weg steht. Drei davon waren gravierend.

Geprüft habe ich nicht allein, sondern mit KI — und das ist der interessantere Teil dieses Berichts. Die Maschine hat Arbeit übernommen, die ich von Hand nicht gemacht hätte. Sie hat aber auch Befunde geliefert, die es nicht gab: Von vierzehn haben drei die Nachmessung nicht überstanden. Und an jeder Stelle, an der es ernst wurde, stand am Ende eine Entscheidung, die weder die Prüfliste noch das Werkzeug abnimmt.

Um wen es dabei überhaupt geht, ist unspektakulärer, als das Wort Barrierefreiheit klingt. Um Leute, die eine Seite mit der Tastatur bedienen statt mit der Maus — weil die Hand nicht ruhig genug ist, weil ein Vorleseprogramm mitläuft, weil es schneller geht. Um Leute, die bewegte Elemente schlecht vertragen. Um Leute, die Schrift vergrößern, bis das Layout zerbricht. Und nebenbei um alle anderen in schlechten Momenten: kleiner Laptop, grelles Licht, eine Hand am Kaffee. Die wenigsten dieser Hürden treffen eine kleine Gruppe hart und alle anderen gar nicht. Die meisten treffen alle, nur unterschiedlich oft.

Was die Maschine konnte: fünfundvierzigmal dasselbe, ohne nachzulassen

Zwei Wochen nach der ersten Runde stand in meinem eigenen Bericht, die Korrekturen wirkten für die ganze Website. Belegt war das nicht — geprüft hatte ich die Startseite. Also habe ich alle fünfundvierzig Seiten einzeln messen lassen, jede mit denselben Fragen: Steht die Markierung, an der ein Vorleseprogramm erkennt, wo der eigentliche Inhalt anfängt? Sitzen Kopf- und Fußbereich? Stimmt die Reihenfolge der Überschriften?

Das Ergebnis hat den Bericht umgeworfen. Auf neunundzwanzig Seiten — allen Blogbeiträgen und allen Projektseiten — fehlte diese Markierung. Und weil der Link „Zum Inhalt springen“ im Programmcode daran hängt, war er dort nie eingebaut worden. Zwei Dinge, die ich als erledigt geführt hatte, waren auf zwei Dritteln der Website offen. Geprüft hatte ich eine Sorte Seite. Geschrieben hatte ich über die ganze Website.

Das ist die Sorte Arbeit, für die sich das Werkzeug lohnt: fünfundvierzig Seiten einzeln, immer dieselbe Messung, ohne dass die Aufmerksamkeit bei Nummer dreißig nachlässt. Von Hand hätte ich das entweder nicht gemacht oder nach zehn Seiten hochgerechnet — also genau den Fehler noch einmal begangen, den ich gerade gefunden hatte. Dasselbe gilt für die Gegenprobe nach dem Umbau: fünfundvierzig von fünfundvierzig, an der fertigen Seite nachgemessen statt behauptet.

Und noch etwas hat sie gut gemacht: eine bequeme Vermutung schnell widerlegt. Nach dem Umbau zeigte nur eine einzige Seite das gewünschte Ergebnis, und der Verdacht fiel sofort auf den Zwischenspeicher der Website. Speicher geleert, neu gemessen, unverändert — damit war die Erklärung weg und der wirkliche Grund zu finden: Die Projektseiten teilen sich keine gemeinsame Vorlage, jede ist ein eigenes Dokument. Der Eingriff war elfmal fällig, nicht einmal. Die Vermutung zu widerlegen war billiger, als sie stehen zu lassen.

Wo sie danebenlag: drei Befunde, die es nicht gab

Der unangenehmste zuerst, weil er das Muster zeigt. Im Audit stand, der Rahmen um das gerade angewählte Element sei unsichtbar. Er war es nie. Die Prüfung hatte den Fokus selbst per Befehl gesetzt statt mit der Tabulatortaste — und der Browser behandelt beides unterschiedlich. Gemessen wurde nicht die Seite, sondern der eigene Prüfweg.

Der zweite Befund fiel bei der Nachmessung ganz weg: Links, die angeblich keine Unterstreichung hatten, haben eine, und keine Regel entfernt sie. Beim dritten funktionierte die vorgeschlagene Lösung nicht — das betreffende Skript schreibt seinen Text als reinen Text, jede Auszeichnung darin wäre auf der Seite sichtbar geworden, statt zu wirken. Bei einem vierten war der Vorschlag zu billig gerechnet: Ein bisschen Innenabstand vergrößert die zu kleinen Klickziele nicht, weil sich die Trefferflächen benachbarter Links dann überlappen.

Das Muster ist wichtiger als die Zahl: Jeder dieser Fehlbefunde war plausibel, formuliert wie die richtigen, mit Begründung. Keiner sah nach Fehler aus. Sie fallen nur auf, wenn man ein zweites Mal misst — und zwar anders als beim ersten Mal.

Dazu eine Falle, die ich nicht erwartet hatte. Ruft ein Programm die Seite ab, ohne sie wie ein Browser aufzubauen, bekommt es unter Umständen eine andere Fassung als jeder Besucher: Bei uns stand in diesem Abruf ein Absatz auf der Startseite, den im Browser niemand sieht. Wer so prüft, prüft eine Seite, die es so gar nicht gibt.

Wo sie aufgehört hat

Zweimal ist die Arbeit zu mir zurückgekommen, und beide Male war das richtig so.

Das Skript, das unsere Titelzeile wechseln lässt, war aus der Sitzung heraus nicht lesbar. Eine Korrektur dafür blind zu schreiben, wäre Raten gewesen — mit ordentlicher Begründung und einem Ergebnis, das niemand hätte prüfen können. Der Punkt ist offen geblieben, und das ist der bessere Ausgang.

Beim Umbau der zehn Projektseiten wurde dann der Klickweg im Baukasten der Website unzuverlässig. Die zehn Seiten habe ich selbst umgebaut; vorbereitet war alles, die Schrittfolge lag vor, die Fenster standen offen. Bei einer Seite ging ein Klick ins Leere, und danach meldete der Baukasten ungespeicherte Änderungen unbekannten Inhalts. Nicht gespeichert, verworfen, neu geladen. Ein Werkzeug, das an dieser Stelle „erledigt“ gemeldet hätte, wäre die teuerste Hilfe des ganzen Projekts gewesen.

Entscheiden kann sie nichts

Wer eine Seite mit der Tabulatortaste durchgeht, muss sehen, wo er gerade steht. Bei uns leistete das nur der blasse Standardrahmen des Browsers, in einem Orange, das auf Weiß kaum zu erkennen war. Die Liste kennt darauf eine Antwort: schwarzer Rahmen, bestanden. Meine Entscheidung war eine andere — wir bleiben bei dem Orange, und zwar bei unserem, das noch heller ist als das des Browsers, und legen eine feine dunkle Linie darunter. Der Rahmen ist jetzt eindeutig zu sehen und gehört weiter zur Seite, statt daneben zu stehen. Drei Zeilen Aufwand; die Arbeit lag nicht im Bauen, sondern im Hinsehen. Hätte ich die Liste einfach abgearbeitet, wäre ein schwarzer Rahmen herausgekommen: bestanden, und ein Stück Seite weniger.

Dasselbe bei der Bewegung. Auf unserer Startseite wechselt die Hauptüberschrift durch fünf Sätze, im Hintergrund laufen stumme Videos in Schleife. Für die meisten ist das Dekoration, für manche der Grund, die Seite wieder zuzumachen. Der schnelle Weg wäre gewesen, beides zu streichen: bestanden, und eine andere Seite. Stattdessen hört die Seite jetzt auf eine Einstellung, die in jedem Betriebssystem steckt und kaum jemand kennt — „Bewegung reduzieren“. Wer sie gesetzt hat, bekommt die Überschrift still und die Videos als Standbild. Einen sichtbaren Pause-Knopf haben wir nicht gebaut; das war eine Entscheidung, sie hat einen Preis, und sie steht als offener Punkt im Bericht.

Beides sind Abwägungen zwischen zwei Gütern, und in beiden Fällen gibt es kein Kriterium, das sie abnimmt. Die Maschine zählt, misst und schlägt vor. Wofür die Seite da ist, weiß sie nicht.

Dieselbe Zeit, ein größeres Haus

Parallel dazu lief die Umsetzung zur Barrierefreiheit der Website des Musikvereins — ein Vielfaches größer als unsere, zwei Sprachen, Formulare, Konzertseiten, die sich selbst erzeugen. Neunzehn Befunde. Dort habe ich dieselbe Lektion noch einmal bekommen, nur deutlicher: Drei der neunzehn waren gar keine.

Der peinlichste: Notiert war, die Hauptnavigation lasse sich nicht mit der Tastatur bedienen — ein Befund, der ein Projekt umbaut, denn ohne Navigation kommt man nirgendwohin. Sie ließ sich immer bedienen. Die Tastendrücke kamen nur nie an, weil sie ein Skript geschickt hat und keine Hand: derselbe Fehler wie beim Fokusrahmen, zwei Wochen später, an einem anderen Projekt. Beim zweiten waren fast neunzig aufklappbare Bereiche gezählt worden; es waren vierzehn, der Rest sah bloß so aus. Hätte ich beides weitergereicht, hätte ich Arbeit verkauft, die es nicht gibt.

Die interessanteste Entscheidung stand auch dort nicht in der Liste. Zwei Markenfarben waren auf dem hellen Untergrund zu schwach — so weit die Messung. Nur gibt es rechnerisch keine einzige Farbe, die auf beiden Untergründen des Hauses, dem hellen und dem dunkelblauen, den geforderten Abstand erreicht. Geändert wurden deshalb nicht die Markenfarben, sondern es kam eine Ebene darunter dazu: dieselbe Farbe, je nach Untergrund eine andere Abstufung, das Original bleibt für Flächen und Logo. Eine Farbe ließ sich gar nicht abdunkeln, ohne ins Rot zu kippen — sie wird seither nicht mehr für Text verwendet, sondern nur noch als Fläche. Das steht in keinem Kriterium. Es gehört ins Markenhandbuch, nicht ins Prüfprotokoll.

Und die Pflicht?

Seit Juni 2025 gibt es eine EU-weite Vorgabe, und seither bekommt man Post von Leuten, die einem erklären, dass jetzt alle dran sind. Das stimmt so nicht. Die Pflicht hängt daran, was auf der Seite passiert: Wer an Verbraucher verkauft, Bankgeschäfte, Fahrkarten oder E-Books anbietet, ist erfasst — wer eine Website hat, auf der man etwas über ihn erfährt und ihm dann schreibt, in aller Regel nicht. Kleine Dienstleister sind ohnehin ausgenommen. Für öffentlich getragene Häuser gilt das Gegenteil, nur schon länger: Die haben ihre Vorgabe seit 2019. Auch das habe ich recherchieren lassen — mit demselben Vorbehalt wie überall sonst in diesem Text: Das amtliche Gesetzesregister war für den Abruf gesperrt, die Einordnung stützt sich auf Behörden- und Kammerdarstellungen. Eine Rechtsauskunft ist sie nicht.

Unsere eigene Seite fällt unter keines von beidem. Sie verkauft nichts, es gibt nicht einmal ein Formular. Das Audit war freiwillig, und der Grund steht weiter oben: Vierzehn Stellen, an denen Leute nicht weiterkommen, sind vierzehn Stellen — ob jemand sie einfordern darf oder nicht. Wer darauf wartet, dass es Pflicht wird, macht dazu das schlechtere Geschäft: Was hier ein paar Stunden gekostet hat, kostet unter Frist das Vielfache, weil dann nicht mehr entschieden, sondern abgehakt wird.

Was davon für andere gilt

Den größten Teil sieht man ohne Prüfwerkzeug und ohne KI, in zehn Minuten. Einmal mit der Tabulatortaste durch die eigene Startseite gehen: Kommt man überall hin, und sieht man jederzeit, wo man ist? Einmal das Menü nur mit der Tastatur öffnen und wieder schließen. Und einmal nachsehen, ob sich etwas bewegt, das sich nicht anhalten lässt. Wer dabei irgendwo hängen bleibt, hat seinen ersten Befund, ohne ihn zu kaufen.

Zwei Befunde sind bis heute offen, und beide sagen mehr als ihre Zahl. Der eine ist nicht behoben, weil die saubere Lösung den Fußbereich der Seite sichtbar länger macht — das ist keine Reparatur mehr, sondern eine Gestaltungsfrage, und ich habe sie noch nicht entschieden. Der andere ist gar nicht geprüft: Ich bin mit der Tastatur durch die Seite gegangen, nicht mit einem Vorleseprogramm. Ich weiß also, wie sie gebaut ist. Wie sie klingt, weiß ich nicht.

Drei Sätze nehmen wir mit. Der erste: Ein Ergebnis gilt für das, was geprüft wurde, nicht für das, worüber man redet — „behoben“ ohne eine Zahl dahinter ist ein gutes Gefühl, keine Aussage. Der zweite: Das Werkzeug ist stark, wo es zählt, misst und dasselbe fünfundvierzigmal tut, ohne müde zu werden — und es ist gefährlich, wo es plausibel klingt. Deshalb wird jeder Befund ein zweites Mal geprüft, und zwar anders als beim ersten Mal. Der dritte: Geprüft wird auf dem Weg, den auch jemand anderes nimmt, nicht auf dem bequemen. Die Maschine nimmt immer den bequemen, wenn man sie lässt.

Barrierefreiheit ist danach keine Nachrüstung und keine reine Rechtsfrage. Sie ist eine Reihe von Entscheidungen über Farbe, Bewegung und Abstand, die jemand treffen und verantworten muss. Die Liste sagt, wo etwas zu entscheiden ist. Entschieden hat sie nichts — und das Werkzeug, das die Liste erzeugt hat, erst recht nicht.

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